Rheinische Post vom 15.10.2010 , Sprechstunde mit Prof. CAI Dr. Roland Hille
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Gerade der Anteil der Kiefergelenkserkrankungen ist in den letzten Jahren stark angestiegen und nimmt im Therapiespektrum des Zahnarztes eine kontinuierlich steigende Position ein. Funktionsstörungen und Funktionserkrankungen des Kauorgans (cranio-mandibuläre Dysfunktionen, international abgekürzt CMD) können zu unterschiedlichen Folgeerkrankungen führen. Eine nicht regelrechte Bisslage führt häufig zu muskulären Verspannungen mit ausstrahlenden Schmerzen in den Kopf und Nackenbereich. Das neuromuskuläre System befindet sich häufig nicht mehr im Gleichgewicht. Tinitus, Migräne, Kopf- und Ohrenschmerzen, Erkrankungen des Bewegungsapperates wie Rückenschmerzen, Nackenschmerzen können in vielen Fällen ihren Ursprung in Fehlfunktionen des Kausystemes haben. Diese Fehlfunktionen können durch ganz unterschiedliche Ursachen ausgelöst werden. Hierbei nimmt die Anzahl der stressbelasteten Knirscher (Bruxismus) in den letzten Jahren verstärkt zu. Etwa zwei Drittel aller Menschen im mittleren Alter haben Funktionsstörungen im Kausystem. Häufig hat sich die Bisslage verändert, entweder altersbedingt durch Verschleiß der Zahnführungsflächen (Abrasionen), durch schlecht sitzenden Zahnersatz oder auch infolge von neu angefertigtem Zahnersatz, der ohne funktionsanalytische Maßnahmen eingegliedert wurde. Gerade größere Zahnsanierungen sollten mit Unterstützung von funktionsanalytischen Maßnahmen durchgeführt werden, um Fehlverzahnungen mit Fehlkontakten oder Zwangsbissführungen zu vermeiden. Es existiert eine hohe Dunkelziffer von Patienten, die seit vielen Jahren unter Kopfschmerzen leiden und medikamentös therapiert werden, deren Erkrankung jedoch durch Fehlfunktionen des neuromuskulären Systems der Mundhöhle ausgelöst werden. Bei manchen Patienten hilft häufig nach adäquater muskulärer Untersuchung und Inspektion der Zähne die Eingliederung einer Schiene als Initialtherapie. Andere Patienten müssen jedoch umfangreich funktionsanalytisch untersucht werden, um diese erfolgreich zu therapieren und Lösungsansätze zu finden. Viele umfangreiche Fälle können auch nur im Team behandelt werden. Eine konsiliarische Untersuchung und Behandlung mit einem Physiotherapeuten unterstützt die Behandlung. Die Physiotherapie ergänzt heute die zahnärztliche Funktionstherapie, da sie die bei cranio-mandibulären Dysfunktionen häufig mitbetroffene Kaumuskulatur direkt therapeutisch beeinflussen kann. Die Physiotherapie erweitert das Behandlungsspektrum in speziellen Fällen erheblich und kann in Kombination mit einer entsprechenden Okklusionsschiene ausreichen, um in früh diagnostizierten Fällen von cranio-mandibulären Dysfunktionen die Erkrankung vollständig auszuheilen, ohne dass aufwendige restaurative Maßnahmen notwendig werden. Aber auch die Zusammenarbeit mit einem Orthopäden und einem Arzt für psychosomatische Medizin kann in manchen Fällen ebenfalls erforderlich sein, um den Patienten erfolgreich zu therapieren. |















